Rüstung und Waffen - Diechlinge

Diechlinge aus rotem Leinen, mit Seidenumfahmten Zaddeln
(1340 - 1370)
Die Diechlinge, in zeitgenössischen Texten auch "Senftenier" genannt, entwickeln sich vermutlich unter dem Einfluß verstärkten Einsatzes von Pfeil-und Bolzenwaffen im 13ten Jahrhundert. Sie schützen, über den Ringpanzerbeinlingen getragen, die Oberschenkel des Reiters, die im Sattel wesentlich stärker exponiert, und dadurch durch Beschuss oder Hiebe und Stiche gefährtet sind, als zu Fuß, wo normalerweise der etwa knielange Aketon nebst Ringpanzer diese bedeckt.
Insbesondere gegen Beschuss ist diese Art der textilen Zusatzpanzerung sehr wirksam, da, anders als am Torso, unter den Ringpanzerbeinlingen ob der notwendigen Beweglichkeit des Beines kein zusätzlicher textiler Panzer getragen werden kann, der ein Eindringen von Geschossen, die das Ringpanzergeflecht durchschlagen, verhindern könnte. Der kompositäre Aufbau zeigt sich in modernen Versuchsreihen als ausserordentlich wirksam darin, die Geschossenergie soweit abzumildern, dass das darunterliegende Ringpanzergeflecht nicht durchschlagen werden kann. Ein ähnliches Prinzip ist auch in zeitgenössischen Quellen für den Torso, in Form des Jupons, nachweisbar.

Zunächst werden die Oberschenkelröhren ohne weitere Verstärkung getragen, im Verlaufe des 13ten Jahrhunderts aber lassen sich schliesslich Ergänzungen in Form von ledernen oder stählernen Buckelnbeobachten, die auf Kniehöhe fest auf den Diechlingen angebracht sind. Hieraus entwickeln sich schliesslich die separat getragenen Kniebuckel (-> Kleine Kniebuckel) , die bis ca. Mitte des 14ten Jahrhunderts den Textilen Oberschenkelschutz erweitern, und schliesslich  (-> Große Kniebuckel)  mit den Beinschienen und eisernen Diechlingen zum geschlossenen Beinzeug zusammenwachsen.

Weitere Bestandteile des Harnischs:
 

Vorlage

Die Diechlinge wurden auf Basis einer breiten Anzahl an Darstellungen aus Handschriften des Zeitrahmens 1220-1360, Grabplatten des Zeitrahmens 1305-1360, und verschiedener Textquellen gefertigt.

Sie bestehen aus 12 Lagen teils handgewebten dichten Leinens, zwischen denen eine feste Schicht Rohbaumwolle, je nach Region des Beines unterschiedlich dick, hart versteppt wurde, und sind partiell mit einer Lage Filz verstärkt.
Als Oberstoff wurde feines rotes Leinen gewählt. Am unteren Ende sind sie mit runden Zaddeln, die mit mittels Indigo und Reseda grün gefärbter Seide eingerahmt wurden, verziert. Am oberen Ende befinden sich mit Leinen umrandete Nestellöcher für die Befestigung am Lendenier .
Verschiedene Darstellungen von Diechlingen des Zeitrahmens 1220-1360
(In unserem Besitz seit 04/2005 / Stand 25.05.2010)
 

Quellangaben

Wolfram von Eschenbach: WillehalmWolfram von Eschenbach: Willehalm. Hs. 857 der Stiftsbibliothek St.Gallen.
Testament des Jehan de MeungTestament des Jehan de Meung, gestorben 1305
Limburger ChronikDie Limburger Chronik des Tilemann Elhen von Wolfhagen
Der KönigsspiegelDer Königsspiegel (Konunsskuggsja) (um 1250)
Grabpklatte Adolf VIII von BergGrabpklatte Adolf VIII von Berg, Mitte 14tes Jahrhundert, Altenberger Dom
Grabplatte von Charles de ValoisGrabplatte von Charles de Valois, gestorben 1346, Abteikirche St. Denis, Paris, Frankreich
Grabplatte des Albrecht von Hohenlohe Grabplatte des Albrecht von HohenloheDie Grabplatte des Albrecht von Hohenlohe Möckmühl zeigt den 1338 vestorbenen Ritter mit relativ moderner Rüstung, ellenbogenlangem Ringelpanzer, Segmentarmschienen an den Unterarmen sowie Plattenhandschuhen mit aussenliegenden Platten und getriebenen Fingerknöchelbuckeln. Erwähnenswert ist der Schuppenpanzer, der gegen Mitte des 14ten Jahrhunderts zunehmend aus der Mode kommt, vermutlich durch modernere Varianten des Plattenrockes abgelösst. Ihm gegenüber stehen die modernen Handschuhe mit großen, getriebenen, aussenliegenden Platten. Wie bei deutschen Rittern vor 1350 noch sehr typisch, trägt er keine Beinschienen.
Roman de la RoseHandschrift des französischen Roman de la Rose (ab 13.Jhd, Hier: Folianten um 1350-60). Der Roman de la Rose ist ein Versroman mit zentralem Minnethema und eines der wichtigsten Werke der französischen Literatur des Mittelalters. Er ist in zahlreichen Manuscripten von 1250 bis 1500 erhalten, und wurde auch später noch gedruckt. Damit hatte er einen massiven Einfluss auf die französische Literatur. Die zahlreichen Miniaturen der einzelnen Manuskripte machen diese zu einer hevorragenden ikonographischen Quelle des französischen Mittelalters. Mehr unter Wikipedia
Soldatendarstellung an der Kathedrale von StrasbourgWächterfiguren, Strasbourg, Musée de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg, 1340-45
Straßburger Münster: HauptportalHauptportal des Straßburger Münsters, Soldat verschläft die Auferstehung um 1280. Straßburg, Elsass
Göttweigerhofkapelle in SteinGöttweigerhofkapelle in Stein, Neiderösterreich: Laklmalerei. Um 1310.
Kalkmalerei, Pfarrkirche St. KatharinaKalkmalerei, Pfarrkirche St. Katharina, Velka Lomnica, Slowakei, 1300-1310
Stiftsbibliothek cod. III 207cod. III 207: Darstellung St. Florian. Fol. 1V. Stiftsbibliothek Oberösterreich. ca. 1310-1320
cod. 1198 ,fol. 1v 2Cod. 1198 ,fol. 1v 2, Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Österreich. Ca. 1330-40
Cod. 2612, Folio 18rCod. 2612, Folio 18r, Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Österreich, ca. 1330-40
St. Georgen ob JudenburgSt. Georgen ob Judenburg, Kalkmalerei, verm. 13. Jhd
Grabplatte von Robert de StevetonGrabplatte von Robert de Steveton, St. Andrew Kirche, Craven, Kildwick, England, ca. 1307.
Miniatur aus dem Elisabethpsalter, um 1220Miniatur aus dem Elisabethpsalter (ca. 1220), fol. 139v.: Fortführung der gefangenen Juden
Westportal der Minoritenkirche WienWestportal der Minoritenkirche Wien: Kreuzigung. Soldaten um 1350-60
Heidelberger LiederhandschriftDie Grosse Heidelberger Liederhandschrift, auch genannt "Codex Manesse", oder Pariser Handschrift stellt die bedeutenste und berühmteste Quelle deutscher Dichtkunst des ausgehenden Mittelalters dar. Ca. im Zeitraum 1305-1340 (inklusive Nachtragsmaler) entstanden, zeigt sie in den insgesamt 138 Miniaturen ausserdem historisierend Mode des ausgehenden 13ten Jahrhunderts, sowie Mode der ersten Hälfte des 14ten Jahrhunderts.
LondonfundeTextil-, Metall-, Buntmetall-, Holz-, Leder und Schuhfunde aus dem Hafenbecken von London
KreuzfahrerbibelDie Kreuzfahrer, oder Maciejowski-Bibel, datiert auf ca. 1244-1254, wurde vermutlich von Ludwig "dem Heiligen" IX. von Frankreich (1214-1270) in Auftrag gegeben und im Pariser Raum angefertigt. Sie stellt ein wichtiges Zeugnis der bildlichen Darstellung von Mode und Sachkultur in Frankreich Mitte des 13ten Jahrhunderts dar.
AlexanderromanDer Alexanderroman, vermutlich ca. 1338-44 in Flandern (aus der Hand des flämischen Illustrators Jehan de Grise und seiner Werkstatt) entstanden, enthält Verse in französischem (picardischen) Dialekt und (ab 1400) Englisch über "Romance of the Good King Alexande" (über Alexander den Grossen), sowie illustrierte Berichte über die Reisen Marco Polos. Es stellt eine hervorragende Quelle für französische Mode um die Mitte- genauer der ersten Hälfte der 40ger Jahre- des 14ten Jahrhunderts dar.
Grabplatte von Heinrich von Seinsheim, ca. 1345 Grabplatte von Heinrich von Seinsheim, ca. 1345Grabplatte von Heinrich von Seinsheim, ca. 1345. Hainert-Marienburghausen, ehemalige Zisterzienserinnen Klosterkirche Johannes der Täufer
Paltock de Charles de BloisZivile, gesteppte Jacke (Paltock) von Charles de Blois, vermutlich um oder vor 1364 entstanden, heute im Musée des tissus et Musée des Arts décoratifs de Lyon. Seidensamtdamast, Leinenlagern und Rohbaumwollfütterung, abgesteppt (Abstand 35mm). Frontal wie an den Unterarmen mit Knöpfen verschlossen. Innwändig angebrachte Nesteln für geschwänzte Beinlinge.
Jupon des schwarzen PrinzenJupon des "schwarzen" Prinzen Edward von Wales, Canterbury Kathedrale, England, vermutlich um 1360-80. Seidensamt, Mi-Parti, mit applizierten Wappenstickereien, ursprünglich lange, heute kurze Arme, keine frontale Öffnung. Fütterung Seide, dazwischen Leinenlagen und Rohbaumwolle, gesteppt.
Jupon de Charles VI. de FranceJupon von Karl VI. von Frankreich, Musée des Beaux-Arts de Chartres/ Kathedrale von Chartes, datiert auf die zweite Hälfte des 14ten Jahrhunderts. Roter Seidendamast, helles Seidenfutter, Leinenlagen, ROhbaumwolle, gesteppt. Zentrale frontale Knopfleiste, leicht gewellter unterer Saum, seitlicher Schlitz für Herausführung des Schwertgehänges. Zentral an der Brust angebrachte Maskarone für Porte-épée Befestigung (fehlen heute).
 

Empfohlene Literatur


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. Kleidung und Waffen der Spätgotik I. .
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Kleidung und Waffen der Spätgotik I.
Ulrich Lehnart, Karfunkel Verlag
Detailliertes Werk über die Bekleidung und Bewaffnung des frühen Spätmittelalters. Schöne Farbtafeln und Analyse der dahinterstehenden Quellen. Trotz einiger Fehldatierungen, spekulativen Thesen ein guter Einstieg für Anfänger des beschriebenen Zeitraumes. Der Autor geht insbesondere auf regionale Entwicklungen der Wehrtechnik ein.
3-9805642-8-2 (German).
 

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. Codex Manesse .
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Codex Manesse
Ingo F. Walther, Insel, Frankfurt
Die große Heidelbergerliederhandschrift, auch "Codex Manesse" genannt, entstand im Zeitraum 1305-1340 und ist eine der bedeutensten Lyriksammlungen der deutschen Geschichte. In diesem Buch werden nicht nur die Farbtafeln in guter Qualität abgedruckt, sondern auch deren Inhalt und Bedeutung analysiert. Die Lieder selbst sind nicht Gegenstand des Buches.
3458143858 (German).
 

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. Dress Accessories, c.1150-c.1450 .
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Dress Accessories, c.1150-c.1450
Geoff Egan, Frances Pritchard, Boydell Press
Aus der Reihe "Medieval Finds from Excavations in London" bietet dieses Buch einen faszinierenden Überblick über die Funde mittelalterlicher Gürtel, Schnallen, Nadeln und anderer Accessoirs aus dem Hafen von London.
0851158390 (German).
 

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. Textiles and Clothing , C.1150-C.1450 .
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Textiles and Clothing , C.1150-C.1450
Elisabeth Crowfoot, The Boydell Press
Das Buch zu den Textilfunden aus dem Hafenbecken von London aus der Reihe der Londonfunde bietet neben der Analyse der Textilien interessante Details zur Textilindustrie speziell des 14ten Jahrhunderts in England, und stellt auf Grund der detaillierten Auswertungen der Verarbeitungstechniken, Materialien und Färbungen eine Pflichtlektüre für hoch-und spätmittelalterliche Textilrekonstruktion dar.
1843832399 (German).
 

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